5. April 2009

Metaprognose April 09

2 Monate später gibt es neue Daten, die Szenario 4 etwas zu optimistisch wirken lassen. Die Daten im grünen Bereich sind seit Februar dazu gekommen. Sie bilden einen neuen Cluster in fast linearer Fortführung der fallenden Tendenz von Oktober bis Februar.

Mögliche Szenarien:

[5] selbst wenn sich die Prognosen langsam stabilisieren sieht -6 bis -7 % derzeit wahrscheinlicher aus.

[6] es ist trotzdem nicht auszuschließen, dass sich alle Wirtschaftsinstitute in einem kollektiven Schockzustand befinden und sich mit Negativprognosen überbieten. Vielleicht gibt es Mitte des Jahres bessere Wirtschaftsdaten und sie kommen plötzlich wieder zur Besinnung.

Ein Verlauf nach [6] würde Wirtschaftsprognosen fast ad absurdum führen. Das sieht dann eher nach Reaktion, als nach Projektion aus. Die Wirtschaftsinstitute wirken im Moment eher wie Getriebene und Überrumpelte, denn wie Analysierende und Wissende.

Es sieht ganz so aus, als ob die Modelle der Institute versagt haben. "Versagt" ist natürlich ein starkes Wort und klingt nach persönlichen Fehlern der Wissenschaftler. Aber so ist das in Wahrheit nicht. Wissenschaftler analysieren die Welt, die sie vorfinden. Daraus konstruieren sie mathematische Modelle. Ein Modell ist dann richtig, wenn man Zahlen in die Formeln einsetzt und tatsächlich gemessene Wirtschaftsdaten herauskommen. Wenn das Modell besonders gut ist, dann kann man Zahlen einsetzen, die man in naher Zukunft erwartet und eine Wirtschaftsprognose für die nahe Zukunft bekommen. Das funktioniert im Moment nicht mehr, da der Zusammenbruch der Finanzmärkte nicht in den Modellen abgebildet wurde.

Das ist zumindest die aktuelle Erklärung: es fehlt einfach ein Faktor, der plötzlich dominant geworden ist, so dass das ganze Zahlenwerk irrelevant wird im Vergleich zum nun dominierenden Faktor. Der wurde ausgelassen, weil er bisher nicht wichtig war. Eine typische Näherungslösung und auch richtig, weil dieser Faktor bisher das Ergebnis nie verändert hätte.

In der Physik ist man viel weniger schockiert, wenn eine Theorie platzt. Im Gegenteil, das Leben des theoretischen Pysikers besteht darin sich Theorien auszudenken und diese zu veröffentlichen. Wenn sich eine Theorie bestätigt, dann freut man sich und schreibt noch eine Veröffentlichung. Die Freude hält aber nicht ewig, weil es irgendwann langweilig wird. Wenn die Theorie das Experiment perfekt beschreibt, dann wird der theoretische Physiker irgendwann arbeitslos. Er kann dann nur noch hoffen, dass das Experiment (die Realität) irgendwann ein bisschen vom Modell abweicht.

Genau das ist beim LHC im CERN geschehen. Der Vorgänger (LEP) hat das Standardmodell der Quantenphysik so genau bestätigt, dass man eigentlich zufrieden sein sollte. Es gibt nur mathematische Unschönheiten und kleinliche Kritik, wie zu viele Parameter, aber die Natur hält sich perfekt an das Standardmodell. Was tut also der Physiker? Er bittet die Regierung um ein paar Milliarden Euro, um eine neue Maschine (LHC) zu bauen, die vielleicht doch noch eine Abweichung zwischen Modell und Experiment aufdecken könnte.

Reines Wunschdenken? Nein. Es ist eine wohl bekannte Tatsache in der Physik, dass ein Modell nur in einem bestimmten Bereich gilt. Schaut man genauer hin, dann ergeben sich Abweichungen und man erweitert die Theorie. Das ist schon oft geschehen. So hat sich die Wissenschaft entwickelt, von Galileo Galilei und dem Fallexperiment am schiefen Turm von Pisa, über Newton und Kepler bis zu Einsteins Relativitätstheorie. Jede Theorie baut auf der anderen auf, verfeinert sie und beschreibt die Natur genauer.

Warum müssen Modelle in der Physik erweitert werden? Wann versagen sie überhaupt? Was ist so ein "Bereich" in dem eine Theorie gilt? Normalerweise hat das mit Energie zu tun. Theorien gelten in einem bestimmten Energiebereich. Steigert man die Energie, dann kommen andere Aspekte der Natur zum Vorschein, die nicht von der alten Theorie erfasst werden. Man braucht eine neue Theorie, die die neuen Aspekte einbezieht, weil diese irgendwann dominieren und alles andere verdrängen. Bei höherer Energie wirken vor allem die neuen Aspekte der Natur. So ist das bei Newton und Einstein passiert. In der Nähe von Schwarzen Löchern, die sehr viel Energie haben, ist der Raum stark gekrümmt. Newton wusste nichts von Raumkrümmung. Auf der Erde stimmt Newtons Theorie. Aber bei einem Schwarzen Loch spielt die Raumkrümmung eine so starke Rolle, dass die normale Newton-Theorie falsch wird. Man muss die Raumkrümmung mit berücksichtigen. Dann stimmt es wieder. Die Raumkrümmung ist der neue Aspekt der Natur, der plötzlich wichtig wird, bei hohen Energien.

Zurück zur Wirtschaft. Ein neuer Aspekt in der Wirtschaft ist plötzlich wichtig geworden: die Stabilität von Finanzderivaten, ihre Auswirkungen auf Interbankenkredite und letztlich auf die Realwirtschaft. Vorher waren Finanzderivate vernachlässigbar für die Entwicklung der Realwirtschaft. Auf einmal werden Finanzderivate entscheidend. Sie treten hervor und dominieren das Verhalten der Wirtschaft, auch der Realwirtschaft. Warum tritt dieser Aspekt der Wirtschaft so hervor?

In Analogie zu physikalischen Modellen könnte man annehmen, dass Wirtschaftsmodelle ihren Gültigkeitsbereich verlassen haben. Wodurch wird der Gültigkeitsbereich definiert? Was entspricht dem Begriff der Energie aus physikalischen Modellen? Vielleicht die Geldmenge? Wenn die Rolle des Geldes in einem Wirtschaftsmodell der Energie in einem physikalischen Modell entspricht, dann wird leicht verständlich warum Wirtschaftsmodelle versagen. Die Umsätze mit Finanzderivaten bewegen sich eine Größenordnung über denen der Realwirtschaft. Diese Umsätze haben neue Aspekte hervor treten lassen, die bisher vernachlässigt wurden

Man hat sozusagen ein Experiment gemacht mit viel mehr Energie, als je zuvor. Dabei hat man herausgefunden, dass es Abweichungen zwischen Theorie und Praxis gibt. Jetzt ist es Zeit, die Modelle anzupassen auf den neuen Energiebereich. Für die Wirtschaftswissenschaftler eine Überraschung, für Physiker ganz normal, aber für die Welt eine Katastrophe.

Das "Versagen" bezieht sich nicht auf fehlerhafte Modelle, sondern darauf, dass die Theoretiker nicht erkannt haben, dass sich das Experiment ausserhalb des Gültigkeitsbereichs ihrer Modelle befindet. Insofern wird Szenario [6] doch wieder möglich, weil sich ein Modellwechsel abzeichnet. Das alte Modell versagt, Panik macht sich breit, die Theoretiker entwickeln nach einer Weile ein besseres Modell und alles normalisiert sich wieder. Wunschdenken?

_happy_modeling()

29. März 2009

IETF MMOX live in XMPP and Weblin

The MMOX BOF has been cast into Second Life and and Forterra. There was also a XMPP chat room: mmox@jabber.ietf.org. Since weblin is pure XMPP I could also participate with a weblin client.

This is the BOF from the weblin perspective.

There are many people on the page and in the room. All except me with the default avatar. Of course, there was no weblin user present. People joined with one of many available Jabber clients. vCard avatars would represent people, but amazingly none of the participants has a vCard avatar. This is a far cry from the Jabber developer room where more than 50% have a vCard with avatar.

BTW: the MMOX BOF in german end user language.

_happy_chatting()

26. März 2009

The greatest technical achievement

I have never posted a Youtube video, but this is really magnificent.

A flyby of the the Orbiter Discovery at the ISS in full light. The sun is in the back of the camera and you can see the shadow of Discovery moving over the solar panels. This is the first non-computer generated movie of such a flyby with ISS in its final size with full solar panel equipment. The ISS is about the size of 2 soccer fields.

The completion of the ISS is the greatest achievement of modern technical engineering and at 100 Milliarden Euro it is one of the biggest wastes of money. But the money, that could save all children of the planet, is only a minor expense in times of war and economic stimulus packages.

Whatever the price tag, the ISS is the queen of human engineering projects.

(Honorable mention in the categories engineering and GDP usage at their time: the pyramids, the great wall, the grand canal, and the Qin Shi Huang mausoleum)

_happy_orbiting()

3. März 2009

Weblin is a Major Virtual World Example

The discussion is still going on the mmox mailing list about what the MMOX WG is going to do. David Levine from IBM posted a very good proposal to define the scope of the WG.

Now comes the point: in chapter 3. "The problem space" there is a list of virtual world platforms, the who is who of massively multiplayer and it includes .... weblin.

"The group's roots, and interests are largely, but not exclusively shaped by Virtual Worlds, including MMO games, Virtual worlds, Collaboration and Simulation Environments and shared online streaming environments. Examples of these platforms include, but are not limited to World Of Warcaft, ProtonSphere, Eve Online, Forterra's OLIVE platform, Club Penguin, Linden Lab's Second Life, IMVU, There.com, Croquet, OpenSimulator.org, Weblins."

Isn't that great.
Well, 3 Mio users is really not bad and 1/3 of the Second Life's online population either.

_happy_cheering()

23. Februar 2009

IETF MMOX WG

The ITEF is discussing to charter a working goup about MMO/Virtual World Interchange. The WG shall be called MMOX in the Applications area.

"The objective of the MMOX working group is to provide an application-layer wire protocol for Virtual Worlds to a) enable interoperability between applications, b) provide for access and exchange with other systems on the internet such as web services, e-mail and other information storage systems, c) allow network layers to recognize VW traffic and make routing decisions based on its characteristics."

The effort ist very Second Life centric. It is driven by people from Linden Lab, IBM and OpenSim. In other words, they have the Second Life glasses and try to standardize Lindens protocols and formats or something very similar.

Our approach to virtual worlds comes from a different direction. We build a web of virtual worlds based on chat protocols and small extensions. This is much leaner than the legacy laden protocols of existing 3d virtual worlds. I doubt that the RFCs would be fun to read, because the specs will be huge. It might be worth to look at a VW-interoperation protocol from the "lean" perspective.

We get a feeling for the essentials of a virtual world, if we use a chat room as communication channel for a region domain and then extend it to create a world. We should start with a small base and add features rather than starting at complex systems and protocols to find a common denominator.

But the current effort is so Second Life oriented, that I doubt they accept any other approach. I am a bit afraid, that the sheer man power of IBM at the IETF will bring us a very un-IETF-like standard for virtual worlds interoperability.

According to the frst charter proposal the WG will standardize LLSD, OGP Base, OGP Virtual World Primitive Object Formatt, OGP Authentication, OGP Teleport. The WG should be called OGP, not MMOX. I remember the IMPP WG where several early instant message companies tried to get "their" protocol standardized under the name of a general IM and Presence protocol. Long discussions were ended by re-chartering the WG to only define requirements. Later there where 2 WGs with appropriate names, which defined real protocols: SIMPLE and XMPP. That's probably a good idea also in this case.

We have many strong VW protocols and one of them tries to get the standards approval under the very general label MMOX. MMOX should create just a requirements RFC and then there will be time for real protocols. Interoperability is not really limited by the lack of standards. Currently it's the lack of interest. Until there is real interest from more than one virtual world community, there is really no need to hurry. If the SecondLife/OpenSim community wants to be interoperable with themselves, then they should just do. A MMOX requirements WG would give the time to find out if there is interest from others like Everquest, WoW, There, EVE Online, Runescape, Google Earth (?), etc.

_happy_chartering()

19. Februar 2009

Video on Demand is Doomed

Manche sagen Video on Demand ist die Zukunft. Blu-ray kommt zu spät, weil die DSL Bandbreiten so schnell zulegen, dass man alles runterladen kann was man will. Aber, was will man eigentlich?

Ich hab 50 Filme auf Platte dank SaveTV. Ich downloade ständig Filme. Manchmal wird was angeschaut. Aber gestern trotzdem wieder im Fernsehen rumgezappt. Wenn ich was aussuchen muss habe ich echt ein Problem. Schon bei einer Auwahl von 50 fällts mir schwer. Das erinnert mich an die Videothek früher. Tausende von Filmen und man steht lange davor bis man was tolles gefunden hat. Es muss ja auch immer was besonders tolles sein. Die Qual der Wahl.

Ich kann stundenlang Fernsehen zappen bevor ich auf dem Rechner 3 Klicks mache, um einen gespeicherten Film zu starten. Reine Faulheit. Lieber lasse ich mir was vorsetzen. Gut, ich hab die Ausrede, dass ich tagsüber so viel produziere, dass ich mich abends auch mal hängen lassen kann. Aber ich weiss echt nicht, was ich mit einer Online-Video-On-Demand-Videothek anfangen soll.

Der Mensch (ich) ist zu faul für VoD. Entscheiden tue ich 10 h am Tag. Am Abend will ich konsumieren und nicht denken, nichts entscheiden. Fernsehen und berieseln lassen ist toll. Ich will was vorgesetzt bekommen. Sendet mir einfach ein gutes Programm. Ich nehme was kommt. Das ist viel leichter als aussuchen müssen. Es muss einfach nur das Richtige kommen. Pech für maxdome.

_happy_zapping()

6. Februar 2009

Metaprognose


Prognostiziertes Wirtschaftswachstum aufgetragen gegen Prognosedatum. Quelle: ifo, IWF, HWWI, EU-Kommission, DIW, IfW, RWI, OECD.

Zur Zeit überbieten sich die Wirtschaftsforscher mit Negativprognosen. Während vor einem halben Jahr für 2009 noch 1,5% Wachstum in Deutschland vorhergesagt wurde, liegen wir im Moment schon bei -2,5%. Extrapoliert man das Q4 2008, dann wären auch -4,8% möglich.

Wo also geht die Reise hin? Welches Negativwachstum bekommen wir nächstes Jahr? Das ist natürlich genau die Preisfrage und daran versuchen sich viele gute Leute. Das kann ich nicht besser beantworten. Aber vielleicht kann man diesen vereinten Sachverstand nutzen.

Man könnte eine Metaprognose versuchen. Statt die Entwicklung der Wirtschaft aus Wirtschaftsdaten vorherzusagen, versucht man die Entwicklung der Prognosen aus Prognosedaten abzulesen.

Ein Jahr im Vorraus ist die Datenlage offensichtlich ziemlich vage. Aber Ende 2008 können Wirtschaftsinstitute schon aus Q4 auf 2009 extrapolieren. Im Lauf des Jahres 2009 werden die Prognosen immer wieder angepasst. Ein immer größerer Teil des Jahres ist dann schon bekannt. Der Fehler wird immer kleiner. Ende 2009 konvergieren die Prognosen dann zum tatsächlichen Wert. Und das ist der interessante Punkt. Die Prognosen führen exakt zum Zielwert. Leider erst Ende 2009. Aber vielleicht gibt es schon vorher einen Trend.

Trägt man von Prognosen für 2009 das prognostizierte Wirtschaftswachstum gegen das Prognosedatum auf, ergibt sich ein ziemlich dramatischer Verlauf. Das überrascht nicht. Aber ist das ein Trend? oder hat der Verlauf keine Aussagekraft für die zukünftigen Prognosen und damit auch nicht für den tatsächlichen Wert für 2009?

Ich sehe mindestens 5 Szenarien:
  • die aktuellen Prognosen sind zu pessimistisch und werden in den nächsten Monaten wieder korrigiert [1]. Vielleicht sind die Wirtschaftsinstitute in eine kollektive Panik verfallen und alles beruhigt sich wieder. Dann könnten wir glimpflich davonkommen. Dafür müssten die Prognosen aber bald eine scharfe Wende machen. Um zu beurteilen ob das realistisch ist, müsste man untersuchen ob es solche scharfen Tendwenden bei Prognosen schon früher gegeben hat.
  • die Prognosen sind jetzt genau richtig. Das bedeutet, dass sie ab jetzt bis Ende des Jahres konstant bleiben [2]. Das ist immer noch ein scharfer Knick. Warum sollte die Prognose vom Dezember noch falsch gewesen sein, aber die vom Januar perfekt im Ziel liegen? Ein ähnliches Szenario wäre ein kurzer Dip der Prognosen unter -3% und dann ein Rebound auf -2% was zum gleichen Ergebnis führt.
  • die Prognosen stabilisieren sich bald [3]. Dann könnten wir mit -3,5% davon kommen.
  • der Trend setzt sich fort und stablisiert sich nicht mehr in 2009 [4]. Dann drohen -5% oder schlimmer.
  • möglich wäre auch, dass die Prognosen eine langsame Wende zum Besseren machen. Sie könnten erst dem Verlauf von [4] folgen und gegen Jahresende doch noch 1% nach oben gewinnen. Dann könnten wir bei -3% ankommen. Genauso gut geht auch [3] mit einer Wende zum Guten und Ergebnis bei -2%. Andererseits war der Absturz ziemlich krass. Mathematisch: der Absolutwert der Krümmung der Kurve ist groß. Erfahrungsgemäß sind Wendungen zum Negativen in der Wirtschaft agiler, als die zum Positiven. Wenn man mal nicht davon ausgeht, dass es noch größere positive Krümmungen gibt, als die negative, die wir gerade erlebt haben, dann braucht die Wende zur positiven Steigung eher ein Jahr und für 2009 sieht es finster aus.
Die Hoffnung sagt [3]. Aber die Januarwerte deuten eher auf [4] hin. Ich sage mal für 2009: -3,5% +/- 1%. Alles andere nicht ausgeschlossen.

Klar ist, dass man für eine wissenschaftliche Analyse das Verhalten von Prognosen über viele Jahre analysieren müsste. Dann könnte man typische und maximale Krümmungsradien bestimmen und über die Statistik abschätzen wir wahrscheinlich eine Trendumkehr, in diesem Fall sogar die erhoffte zweite Trendumkehr ist.

Ach ja, wenn wir schon in die Kristallkugel schauen: DAX 3.500 :-)

_happy_forecasting()